Ein Freund namens Benno
Benno Fürmann, der Spezialist für kantige Kämpfernaturen im deutschen Kino, vergleicht Kino mit Drogen und seinen neuen Film „Freunde“ mit einem Homerun
FOCUS: Herr Fürmann,
aufmüpfige junge Männer, die über ihre Gefühle nicht
sprechen, scheinen Ihnen zu liegen ...
Fürmann:
(lacht) Zwischen Bodo in „Der Krieger und die Kaiserin“ und Nils in „Freunde“
gibt es schon Parallelen. Beide nehmen ihr Leben nicht aktiv in die Hand,
sondern sind diesem Zustand eher passiv ausgesetzt.
FOCUS: Trotzdem
reagiert auch Nils wie all die Lastwagenfahrer, Boxer, Zuhälter und
Kleingangster, die Sie vorher gespielt haben, sehr physisch.
Fürmann:
Ich finde Figuren spannend, die emotional in einer Situation stecken, aus
der sie mit Händen und Füßen rauskommen wollen. Gefühle
mit dem Körper zu erzählen ist das Allergrößte! Ich
versuche, jedem Typen Leib und Seele zu geben – das ist bei mir persönlich
auch nicht anders.
FOCUS: Viele
Ihrer Figuren lassen unter ihrer ruppigen Schale doch Gefühle anklingen:
Hat das möglicherweise auch mit einem gewandelten Männerbild
zu tun?
Fürmann:
Glücklicherweise wissen wir ja inzwischen, dass jeder etwas vom anderen
Geschlecht in sich trägt, und haben mehr Mut, das auch auszuleben.
Trotzdem gehen Frauen und Männer mit Gefühlen völlig anders
um. Frauen sind viel offener, freier und direkter. Männer bemühen
sich dagegen viel stärker um eine Haltung, hinter der man die Gefühle
nur ahnt. Als Schauspieler finde ich es aufregend, wenn man das Herz in
den Augen sieht, während die Worte erst mal was ganz anderes erzählen.
Wenn man etwas ahnt, statt es gleich um die Ohren geklatscht zu bekommen.
FOCUS: Sie haben
mit denselben Darstellern und demselben Regisseur bereits einen Kurzfilm
gedreht. Wie verhält sich „5 Minuten Ikarus“ zu „Freunde“?
Fürmann:
Etwa so wie die Suppe zum Hauptgang, so als würde man mit denselben
Zutaten noch mal ein komplexeres Gericht kochen. Es wäre sicher interessant,
die beiden Filme zusammen zu zeigen.
| Benno
Fürmann
Der 29-jährige TV- und Filmschauspieler lebt in Berlin. • Die Schauspielausbildung
in New York
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FOCUS: In fast
allen Figuren, die Sie gespielt haben, vibriert so eine kriminelle Energie
mit ...
Fürmann:
Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich privat eine völlige Niete
im Klauen war und das nun auf der Leinwand auslebe. In der fünften
Klasse gab es in der Schule so eine Pausenhofbande. Jeder, der da rein
wollte, musste als Mutprobe ein kleines Kettchen klauen – dabei ist mir
fast das Herz aus der Brust gesprungen. In den Filmen steht die kriminelle
Energie ja auch dafür, dass diese Leute nicht der Norm entsprechen,
dass sie anders sein wollen. Sie stecken sich ihre eigenen Grenzen, statt
sich in die bestehende Ordnung zu fügen, und das finde ich immer interessant.
FOCUS: Was finden
Sie dabei für sich selbst heraus?
Fürmann:
Mich interessiert der Mensch als Ganzes. Es macht mir Spaß, andere
Menschen, andere Kulturen und Sichtweisen zu beobachten. Im Grunde ist
das ein fast kindlicher Forscherdrang, den ich da auslebe. Statt herauszufinden,
wie Autos und Uhren funktionieren, geht es mir um die menschliche Psyche,
darum, wie Menschen in unterschiedlichen Situationen unter unterschiedlichen
Voraussetzungen reagieren.
FOCUS: „Anatomie“,
in dem Sie einen psychopathischen Medizinstudenten spielten, war der erfolgreichste
deutsche Film des vergangenen Jahres. Was bedeutet Ihnen diese Art von
Erfolg?
Fürmann:
Natürlich macht es Spaß, wenn so ein Film dem Publikum – für
das man ihn ja schließlich macht – gefällt. Andererseits kann
das aber kein Kriterium für meine Arbeit sein. Wenn die Zuschauer
einen Film, der mir sehr wichtig ist, nicht mögen, lasse ich mir die
Zeit, die ich mit diesem Film hatte, deswegen nicht nehmen. Es wäre
völlig falsch, sich über das zu definieren, was die Leute sagen,
da käme man ganz schnell ins Schwimmen!
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[ Benno Fürmann ] |
FOCUS: Martin
Eigler zeigt ein Berlin jenseits der Filmpostkarten. Was bedeutet Ihnen
als Schauspieler der Schauplatz?
Fürmann:
Berlin steht für so eine Grundaggressivität, für einen gewissen
grauen Alltag, für Einsamkeit und emotionale Kälte. Hier ist
die Atmosphäre ein bisschen härter als in anderen deutschen Städten,
und das hilft natürlich, wenn man diese einsamen Figuren spielt, die
alle für sich dahintreiben und Nähe und Halt suchen. In so einer
Stadt ist es gesünder und sicherer, einen Panzer zu haben und seine
Gefühle nicht so leicht dem Ganzen zu öffnen, denn es ist kalt
da draußen. Dazu kommt, dass ich hier aufgewachsen bin und man auf
vertrautem Terrain natürlich immer leichter einen Zustand der Glaubwürdigkeit
herstellen kann. Insofern war dieser Film wie ein Homerun, was natürlich
auch damit zu tun hatte, dass ich die Schauspieler nicht erst seit gestern
kenne.
FOCUS: All Ihre
Rollen sind sehr stark in der Gegenwart, im Hier und Jetzt verwurzelt.
Ist das eine bewusste Entscheidung, oder würde es Sie reizen, mal
im Kostüm in eine ganz andere Zeit zu schlüpfen?
Fürmann:
Absolut! Es wäre großartig, mal in so eine Zeitmaschine zu steigen:
das Mittelalter, die Bauernkriege, die Pest, Kreuzigung, Buddha, Kolumbus
... Kostüme helfen ungemein dabei, sich in eine Rolle einzufinden.
Wenn die äußere Hülle so anders ist, kommt man ganz automatisch
in so einen Spieltrieb, wie ihn Kinder haben, die Räuber und Gendarm
spielen und dann auch sofort wirklich jemand anderes sind. Andererseits
ist das natürlich nur der Rahmen, der wenig nützt, wenn mich
das Projekt nicht interessiert.
FOCUS: Sie haben
mal gesagt, Ihr Ziel sei es, hundertprozentig authentische Fürmann-Leidenschaften
auf die Leinwand zu bringen. Kann das nicht riskant werden?
Fürmann:
Ich halte mich für gefestigt genug, um zu wissen, wer ich bin, wenn
ich aufstehe, und wer ich bin, wenn ich nach Hause gehe. Bei allem, was
dazwischen am Drehort passiert, gehört das Risiko dazu, und da habe
ich auch keine Angst, mich zu verlieren. Es sei denn für diese magischen
Kinomomente: Das ist doch gerade die große Kunst, sich für einen
Moment lang völlig zu verlieren, alles zu vergessen, und da rede ich
nicht nur vom Kino.
FOCUS: Das klingt
ja fast wie eine Drogenerfahrung ...
Fürmann:
Dazu kann es in der Tat werden: Man nimmt Drogen, um in einen anderen Seinszustand
zu geraten, um alles drumherum und vielleicht sogar sich selbst zu vergessen.
Wenn ein Musiker sich im Spiel völlig in seinem Instrument verliert,
wenn man spürt, dass es in diesem Moment nur noch die Gitarre gibt
und dass die Töne kommen, weil sie kommen müssen, dann ist man
auch als Zuhörer völlig gebannt und unfähig wegzuschauen.
Interview: Anke Sterneborg