Allegra

Allegra
Christiane Paul
Benno Fürmann


 




Allegra: Fühlt man sich anders in der Fremde?
Fürmann: Für mich ist das gar nicht so fremd, ich habe hier ja mal für ein Jahr gelebt. Und mit New York hatte ich immer schon das Gefühl, ich treffe eine alte Bekannte.
Paul: Geht mir ähnlich, obwohl ich zum ersten Mal hier bin. Klar ist das toll, zwischen den Häuserschluchten zu stehen. Aber als Berlinerin kann mich dieses Großstadtgefühl nicht so beeindrucken. ...
Allegra: Wo ist denn Heimat?
Fürmann: Ich bin viel gereist,denke aber, immer noch nicht genug gesehen zu haben, um Wurzeln zu schlagen.
Allegra: Heimat ist also etwas anderes als ein Zuhause?
Fürmann: Ein Zuhause ist temporär. Ich habe nur mein Zelt aufgeschlagen.
Paul: Ich habe schon das gefühl, dass meine Heimat Deutschland ist. Gerade jetzt, wo ich so lange weg bin, merke ich, dass ich nicht verleugnen kann, wo meine Wurzeln sind, die ich auch nicht missen möchte. Dieser American Way of Life ist nicht mein Leben. Die Art, wie sie konservation betreiben oder Beziehungen führen, hat nichts mit mir zu tun.
Allegra: Was an euch ist typisch deutsch?
Fürmann: Im Allgemeinen sind die Deutschen introvertierter und teilweise krampfiger als die Amis.
Paul: Krampfiger? Da bin ich lieber krampfig als oberflächlich, das muss ich dir mal sagen.
Fürmann: Wie du hier gleich die Fahne schwenkst! Ich habe das ganz wertfrei gemeint.
Paul: Aber ich werte das jetzt. Dass wir diese Schwere haben, diese Kopflastigkeit, das finde ich angenehm.
Allegra: Schämt Ihr euch für das, was in ausländischen Reiseführern über dieses Land steht? Dass man bestimmte viertel als Ausländer besser meidet?
Fürmann: Ich schäme mich überhaupt nicht. Warum?
Paul: Es gibt hier (New York) genauso Gegenden, in die ich als weißer nicht gehe, oder Ecken, wo du dich als Frau nachts besser nicht herumtreibst. Das ist doch kein spezifisch deutsches Problem.
Allegra: Aber bei uns hat es ein politisch motivierten Hintergrund.
Fürmann: Natürlich kann man nicht alles damit entschuldigen, dass in anderen Ländern auch Mist passiert. Was in Deutschland gerade abgeht ist beschissen! Da könnt ich kotzen, und es macht mich ganz traurig!
Paul: Man kann nur versuchen, das im kleinen Kreis zu durchbrechen.

Allegra: Früher haben junge Menschen gern noch demonstriert. Bringt´s das überhaupt noch im 21. Jahrhundert?
Paul: Grundsätzlich ja, weil es Aufmerksamkeit erregt, Leute zusammenbringt. Trotzdem hat man das Gefühl, man kann noch so viel auf die Straße gehen, es hat keine Konsequenz.

Fürmann: Es gibt Zeiten, in denen Umwälzungen passieren. Und es gibt eben Zeiten, in denen der allgemeine Geist nicht so in Bewegung ist, die letzten Jahre habe ich so empfunden.
Allegra: Keine Zeit für Revolution?
Fürmann: Nicht wirklich. Eher...
Paul: ...nicht wissen, wohin und gar ken konkretes Interesse haben.
Fürmann: 2000 war ein kompletter Leerlauf. Wenn ich mein Leben betrachte, trifft das auf mich genauso zu: Ich sitze da und gucke in dieses Jahr.
Allegra: Liegt das am Millenium?
Paul: Nee, an der gesamten Menschheitsentwicklung.
Fürmann: Es kann aber sein ...
Paul: ...na hör mal, ganze Gesellschaftssysteme sind zerbrochen. Es gibt keine Visionen mehr!
Fürmann: Ja, aber das ist nicht alles 2000 erst passiert. Das Jahr war extrem orientierungslos. 2001 wird´s erst spannend. Jetzt wird der Gang eingelegt, dann gehts ab meine Lieben!

Allegra: Wird die Zukunft schön oder schrecklich?
Fürmann: Die einzige Kraft, die ich habe, ist von Moment zu Moment zu gehen. Wenn du mit jemandem ganz eng zusammen bist und darüber nachdenkst, was morgen sein wird, nimmst du dem Augenblick die Schönheit.
Paul: Jeder Tag bringt neue Möglichkeiten, jeden Tag geht die Sonne auf, das ist ein Bild, das mir immer wieder Kraft gibt.
Allegra: Und die Zukunft draußen?
Paul: Die globale Zukunft? Es gibt ein altes philosophisches Sprichwort, ich glaube, von Sartre: Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann das Wetter in Kilometerferne beeinflussen. Das ist so. Wenn ich Pfandflaschen kaufe und mein Nachbar das dann auch so macht, hat mein Handeln etwas bewirkt.
Fürmann: Aber Individualismus ist doch gerade das ganz große Thema
Paul: Früher dachten wir, es wird wie in Orwells "1984", aber hier entsteht Aldous Huxleys "Schöne Neue Welt": die Totalität des Konsums. Kinder aus Reagenzgläsern ... Für mich ist das eine Horrorvision ...
Allegra: Du hast Medizin studiert. Darf man als Naturwissenschaftlerin den Fortschritt so verteufeln?
Paul: Einer meiner Biologieprofessoren sagte einmal: Wenn ihr den Menschen im Reagenzglas erschafft, sucht dieser Mensch irgendwann seinen Vater. Man legt sich mit der Schöpfung an.
Allegra: Der französische Autor Michel Houellebecq findet die schöne neue Welt wirklich schön und meint, dass Klonen bessere Menschen macht.
Fürmann: "Elementarteilchen". Lese ich gerade. Jeden Tag eine Seite.
Paul: Hier sehen sowieso schon fast alle gleich aus, ich finde das schrecklich. Ich will die Verschiedenhaftigkeit der Menschen, denn das bedeutet doch erst, Mensch sein. Doch davon bewegen wir uns gerade weg.
Fürmann: Jeder Mensch hat seine eigene Art, seinen eigenen Kopf.
Paul: Und die Globalisierung macht das alles kaputt. Meint der Houellebecq eigentlich ernst, was er schreibt? Dann ist er verloren. Der Junge muss sich nur mal richtig verlieben.
Fürmann: Das ist doch Masche. Es ist gerade hip, alles finster zu sehen.
Paul: Aber es ist schrecklich, dass alles nur noch Fashion ist.
Allegra: Warum will eigentlich heute jeder ein Star werden?
Paul: Frage ich mich auch. Früher waren die helden Kosmonauten oder Politiker. Heute sind das Models, Musiker und Schauspieler.
Fürmann: Das haste immer gehabt, Politiker sind zu hölzern.
Paul: Olof Palme war überhaupt nicht hölzern. Che Guevera.
Fürmann: Okay, Che Guevera war die große Ausnahme. Wäre Che dick gewesen, hätte Pickel gehabt und eine Brille mit Gläsern so schwer wie Glasbausteine, meinst du, die Leute würden ihn auf ihrem T-Shirt tragen? Nee!
Allegra: Vertraut ihr Politikern?
Fürmann: Nö! Ich kann nicht strukturen vertrauen, die ich nicht verstehe. Dann diese wahnsinnig großen Worte vom sozialen Miteinander ... in der Umsetzung diktiert doch letztlich nur die Wirtschaft die Gesetze.
Allegra: Kapitalismus statt Demokratie. Habt ihr Aktien?
Fürmann: Ja klar, wenn ich schon im Kapitalismus lebe, dann verusche ich wenigstens, das Beste daraus zu machen.

Allegra: Ist Geld sexy?
Fürmann: Hängt davon ab, wer das Geld hat. Ich habe sieben Monate nicht gearbeitet.
Allegra: Und Du verdienst wahrscheinlich trotzdem ein ein gutes Stück mehr als der Bundesdeutsche Durchschnitt.
Fürmann: Ja, ich verdiene ein bisschen Geld, ich gebe es zu.
Paul: Zu Beginn des letzten Jahres habe ich im Monat ungefähr 2300 Mark verdient, als AiP (Arzt im Praktikum)
Fürmann: Christiane, ich weiß Du wohnst in Pankow und kriegst vielleicht ärger mit deinen Nachbarn ...
Allegra: Ist Reichtum sexy?
Fürmann: Geld ist eine angenehme Begleiterscheinung, aber der Sex war ja vorher schon da. Guter Satz, hehe.
Allegra: In "Freunde" geht es um eine Männerfreundschaft, die an einer Frau zerbricht. Oscar Wilde hat mal gesagt: "Freundschaft ist weit tragischer als Liebe, weil sie länger dauert."
Fürmann: Größere Dramen birgt die Liebe, weil sie ein Feuer ist, das schneller hoch brennt. Oder schon mal von Freundschaft auf den ersten Blick gehört? Bei Freundschaft ist es leicht, klaren Kopf zu behalten, bei Liebe nicht.
Paul: Aber es gibt doch in Freundschaften auch Eifersucht, Neid, fast alles, was es in Beziehungen auch gibt.
Fürmann: Hast du schon mal eine Freundin 15-mal pro Tag angerufen, nur um zu hören, wie´s ihr geht?
Paul: Ich habe eine Freundin, mit der telefoniere ich jeden Tag. Die Freundschaften, die ich pflege, sind sehr leidenschaftlich.
Allegra: Ihr seid nicht befreundet?
Fürmann: Dafür sehen wir uns viel zu selten.
Paul: Aber ich sehe ihn immer gern.
Fürmann: Ja, große Zuneigung auch von meiner Seite.

Interview: Martina Wimmer
 
 

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